Deutsche Junior-Akademie NRW 2010

29/06/2011

Akademie  Dr mark benecke„Oh nein“, dachte ich mir „worauf habe ich mich da bloß eingelassen…“.
 Ich saß im Auto auf dem Weg nach Königswinter, einer Stadt nahe Bonn, wo ich die nächsten elf Tage vom 19. August bis zum 29. August 2010 mit etlichen Jugendlichen meines Alters in einem Camp verbringen sollte.

Eigentlich war daran nichts Negatives auszusetzen, wäre da nicht die Tatsache gewesen, dass mein Aufenthalt nicht in einem normalen Feriencamp war sondern in einer der zehn Junior-Akademien in Deutschland.

Aber ich beginne am besten von Anfang an. Eines Schultages im Januar 2010 sprach mich mein Französischlehrer Herr Jäger nach dem Unterricht an, ob ich nicht an der diesjährigen Juniorakademie teilnehmen möchte. Mit einer Broschüre in der Hand erzählte ich meinen Eltern von seinem Vorschlag, die auch sofort Befürworter dieses Vorhabens waren.

Ich persönlich jedoch war mir nicht ganz so sicher, Junior- Akademie- was war das eigentlich? Nach einigen Recherchen erfuhr ich mehr. Die Deutschen  Junior-AkademienAkademie Praesentationen sind, wie es auf der Homepage beschrieben wird, „ein außerschulisches Programm zur Förderung besonders leistungsfähiger, interessierter und motivierter Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe I […] Seit 2003 gibt es mit den Deutschen Junior-Akademien Programme, die speziell für solche Schülerinnen und Schüler entwickelt wurden […] Die Deutschen Junior-Akademien wollen den Schülerinnen und Schülern ganz neue Erfahrungen vermitteln und sie intellektuell und sozial herausfordern. Angeboten werden mehrere Kurse aus der Mathematik, den Natur- und Sozialwissenschaften, in denen [Methoden erlernt werden und zu Fächer übergreifenden Denken und Arbeiten angeregt wird] […] [Die Akademie-Teilnehmer] können neue Denkansätze kennen lernen und über den Horizont der bisherigen Lebens- und Erfahrungswelt hinausblicken. Auch werden sie an die Grenzen der eigenen Leistungskraft herangeführt.“
Die anfängliche Freude sicherlich etliches Neues zu erfahren und neue Freundschaften zu knüpfen, die mich somit zur Einwilligung trieb, wurde auf meiner Autofahrt an diesem 19. August 2010 von Unsicherheit und Angst abgelöst. Was war, wenn ich den angeforderten Erwartungen nicht entsprach?
Zur Bewerbung an der Junior-Akademie mussten zunächst mehrere Empfehlungen der Schule und danach eine persönliche Bewerbung eingereicht werden, denn „[f]ür die Teilnahme an einer Junior-Akademie müssen die Schülerinnen uns Schüler besondere Leistungen im schulischen und außerschulischen Bereich nachweisen“, so die offizielle Homepage.
Bei den Junior-Akademien 2010 durfte ich zwischen den Kursen Bionik, Astronomie, Kryptographie, Forensik/ Kriminalistik, Mechatronik, Philosophie, sowie den englisch sprachigen Angeboten Nanotechnology, Bionics und Symmetry in Nature wählen. Ich entschied mich schließlich als Erstwahl für Forensik/Kriminalistik und wurde angenommen.

Akademie ExperimenteZudem sorgte ich mich, die einzige „Normale“ der Teilnehmer zu sein, die in meiner Gedankenwelt alle Knickerbockerhosen trugen, Nickelbrillen besaßen, die weißen Socken hochzogen und die Hemden in die Hosen steckten, dabei ihre Bücherstapel balancierten und den Laptop unter dem Arm geklemmt hielten. Ich dachte mir „hoffentlich gehen die elf Tage zügig vorbei“, eine ziemlich große Panik überkam mich.
Angekommen auf dem riesigen Campus der CJD- Jugenddorf- Christopherusschule Königswinter wurden die Zimmer des großen, sehr modernen Internatgebäudes verteilt. Mein Zimmer der etwa 60 Wohnmöglichkeiten bot Platz für mich mit Lena, einem äußerst netten und „normalen“ Mädchen in meinem Alter. Ihr Anblick bereitete mir Erleichterung und auch als wir uns gemeinsam umschauten war weit und breit kein „Streber“ zu entdecken!
Nach einem ersten Begrüßungsvortrag  verabschiedeten wir uns von unseren Eltern und lernten einander kennen, denn wir waren etwa 60 Akademie-Teilnehmer, die in die drei Kurse Bionik, Philosophie und Forensik/Kriminalist eingeteilt waren. Der darauffolgende Vortrag offenbarte uns Standort- und Kursleiter und der Tagesablauf wurde vorgestellt: um  6:30 Uhr freiwilliger Frühsport, 7:30-8:30 Uhr Frühstück, 8:30-8:45 Uhr Plenum, 9:00-12:30 Uhr Kursarbeit, 12:30-13:30 Uhr Mittagessen, 14:00-15:30 Uhr Chor, Sport, Freizeitangebote, 15:30-18:00 Uhr Kursarbeit, 18:00-19:00 Uhr Abendessen, 19:30-21:00 Uhr KüA 1 (Kursübergreifende Aktivitäten/Angebote von uns organisiert), 21:00-22:30 Uhr KüA 2, ab 23:30 Uhr offizielle Nachtruhe.

Nach anfänglichen Kennlernspielen noch am Ankunftstag, wurden nach dem Abendessen bereits die ersten KüAs organisiert. Im Laufe der Akademie-Zeit hatten wir zwar nur wenig Freizeit, jedoch die Möglichkeit selber KüAs anzubieten und mitzugestalten, so wurde z. B. Standardtanzen, Handball, Streetball, Basketball, Chor, Orchester, die Band „King’s Winter“, Badminton, Volleyball, Impro-Theater organisiert.

In den Kurszeiten unserer Forensikgruppe, die aus 20 Teilnehmern bestand, beschäftigten wir uns zunächst mit den verschiedenen Teilbereichen der Forensik. Referate die wir zuvor zuhause vorbereiten mussten wurden vorgestellt, der Begriff Forensik geklärt. Bei der Forensik, also der Kriminalistik, sind häufig „kriminaltechnische Untersuchungen notwendig, die auf bewährte Methoden der Naturwissenschaften zurückgreifen. Die forensische Chemie und Kriminalbiologie beschäftigen sich genau mit diesem Thema. [So] ist es heute fast nicht möglich, dass ein Täter keine Spuren hinterlässt, die zu einer Überführung führen können. Ein einzelnes Haar oder eine einzelne Hautschuppe reichen aus, um ihn mit Hilfe des genetischen Fingerabdrucks zweifelsfrei zu identifizieren, modernste Analyseverfahren ermöglichen den Nachweis von geringsten Giftspuren oder Dopingmitteln im Blut von Sportlern“.

Geeignete und wichtige Verfahren aus der forensischen Biologie und Chemie wurden in diesem Kurs eingehend in Theorie und Praxis behandelt.So untersuchten wir beispielsweise die Vorgehensweise bei der Entwicklung eines genetischen Fingerabdrucks in der Theorie, befassten uns mit DNA-Strukturen und stellten schließlich selber einen in komplexer Vorgehensweise her und wir beschäftigten uns mit Blut in offensichtlicher und versteckter Weise. Anhand der Form simulierter Blutspritzer sollte die Tatwaffe identifiziert werden und durch ein spezielles, selbst hergestelltes Luminol-Gemisch leuchteten versteckte oder weggewischte Blutspuren im Dunkeln blau auf. Zudem imitierten wir in Gruppen Kriminalfälle, die die anderen Kursteilnehmer lösen mussten und hatten äußerst viel Freude an dem Sichtbarmachen von DNA-Strängen der Kiwifrucht.

Eins der größten Highlights war der Besuch des Kölner Forensikers Dr. Mark Benecke, welcher zu den international bekanntesten Forensikern der Welt zählt. Der berühmte Kriminal-Biochemiker befasste sich u.a. mit Hitlers und Lenins Tod und löste etliche schwierige Fälle. Sein berühmtester Fall war der Columbianische Luis Alfredo Garavito Cubillos. Dank Beneckes Ermittlungen und Untersuchungen konnte dieser Serienmörder gefasst werden. Der Fall kurzgefasst: „Der homosexuelle pädophile Sadist Luis Alfredo Garavito Cubillos tötete in den Jahren von 1992 bis 1999 nach aktuellem Ermittlungs-Stand über 200 Jungen im Alter zwischen 8 bis 13 Jahren (ausnahmsweise 6 bis höchstens 16 Jahren). Dabei hielt er sich strikt an ein Tatbegehungs-Muster, das darin bestand, die Kinder nach unter anderem äußeren Merkmalen tagsüber auszuwählen und sie dann mittels glaubhafter Versprechen aus belebten Gegenden in geschützte, aber unweit der Ortskerne gelegene Gelände zu locken. Dort fesselte er die Kinder und tötete sie nach Folterung und Vergewaltigung durch Halsschnitt.“(www.benecke.com).

Unter Beneckes Anleitung erforschten wir unterschiedliche Insekten und erfuhren, wie man von ihnen in der Forensik Nutzen ziehen kann, da verschiedene Tiere zu unterschiedlichen Zeiten und Begebenheiten Leichen besetzen. Ebenso schilderte uns Mark, wie wir den außergewöhnlichen, von Kopf bis Fuß tätowierten Mann mit einzigartigem Charakter nennen sollten, was eine Body-Farm sei. „Als Body Farm wird im allgemeinen ein Gelände bezeichnet, auf dem wissenschaftliche Studien zu postmortalen [(lat. für „nach dem Tod“)] Veränderungen an Menschen, also über Verwesungsprozesse von Leichen, an freier Luft erfolgen können.“ (Wikipedia), wobei verschiedenen Bedingungen simuliert werden.
Nach dieser hochinteressanten Exkursion legten wir selber auf dem Campus eine Body-Farm an. Wir nahmen tote Hühnchen (aus der Fleischerei) und setzten sie gruppenweise verschiedenen Bedingungen aus. Jeden Tag zu drei Zeiten dokumentierten wir Veränderungen und schlussfolgerten nach sieben Tagen Fazite.
Am „Tag der Rotation“ sollte jeder der drei Kurse seine Ergebnisse der Akademie-Zeit den anderen präsentieren. Während wir Führungen über unsere Body-Farm unternahmen, Vorträge über verschiedene forensische Methoden wie den genetischen Fingerabdruck und den Luminol-Blut-Nachweis hielten und Experimente zu DNA-Sichtbarkeit durchführten, zeigten uns der Philosophiekurs und der Bionikkurs ihre Ergebnisse.

Im Philosophiekurs beschäftigten sich die Teilnehmer mit der Frage, wie man beweisen kann, dass die Welt um einen herum vollständig real ist, beschäftigten sich als Beispiel mit dem Höhlengleichnis von Platon und dem philosophischen Text „Gehirn im Tank“. Ebenso wurde über den Sinn des Lebens gesprochen.
Der Bionikkurs beschäftigte sich mit Prinzipien, die sich in der Natur entwickelt haben, und auf technische Anwendungen übertragen wurden wie z.B. das Lotusblattprinzip und der Klettverschluss. Ebenso stellten die Bioniker uns ihre Experimente zu Stabilität und Konstruktion vor und erzählten uns über Vorgänge in der Evolution.
Während unserer gemeinsamen Zeit wurden die Geburtstage von Teilnehmern und Leitern mit Lagerfeuer und Grillen gefeiert. Auch für einen Ausflug der gesamten Akademie zum Drachenfelsen, einem Wahrzeichen der Region, hatten wir etwas Zeit gefunden.

Nach elf Tagen Akademie-Alltag, wenig Schlaf und riesigen Spaß hieß es dann für alle Abschied nehmen. Für die anstehende Abschlussfeier hatten wir uns schon Tage vorherAkademie Abschlussfeier vorbereitet. Chor, Orchester und Band studierten fleißig Lieder ein und jeder Kurs musste einen Bereich der großen Aula mit Stellwänden, Fotos und Experimenten herrichten und eine Abschlusspräsentation vor etwa 250 Zuschauern durchführen. Diese Vorstellungen mussten das Erlernte reflektieren und repräsentabel für die Juniorakademie stehen, denn nicht nur die Eltern waren anwesend, sondern auch Minister, Sponsoren, Vorstandsmitglieder und Vertreter der Presse.

 

So löste die Abschlussfeier in uns verschiedene Gefühle aus. Einerseits war sie witzig, da die Präsentationen und die Atmosphäre in uns große Aufregung verbreitete, wir alle waren äußerst nervös, hatten Angst unsere Texte zu vergessen und es traten lustige Fehler auf. Der Abschied war traurig, denn uns wurde deutlich, dass wir unsere neugewonnenen Freunde verlassen und nach Hause zurückkehren mussten und gleichzeitig war die Abschlussfeier schön, da wir alle wussten, dass wir uns niemals vergessen und die Kontakte weiter bestehen würden.
Insgesamt bin ich sehr glücklich, dass ich an der Junior-Akademie teilnehmen durfte. Meine Angst vor einem „Strebercamp“ hat sich zum Glück nicht bewahrheitet- im Gegenteil- ich habe sehr viele wertvolle Erfahrungen gesammelt, etliches Neues gelernt und erlernt, meine Team-Work- sowie Präsentationsfähigkeiten verbessert und tolle neue Freunde gefunden, speziell meine Zimmernachbarin Lena!

Alles in allem bildeten diese elf Tage eine wunderbare Zeit und wir „Akademiker“ stehen miteinander noch sehr gut in Kontakt, schreiben, skypen, telefonieren und haben bereits Nachtreffen organisiert.

Marie Therese Kleinsorge (Jgst.10)

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