Eine Geschichte von Plastik, Helium, absurden Geschwindigkeiten und dem Militär
Vierzigtausend Kilometer in der Atmosphäre fliegt fast nichts. Doch am zweiten Juli dieses Jahres schickte der Stark!-Verein in Kollaboration mit der HSHL und findigen Schülern verschiedener Schulen aus dem Bereich Lippstadt, inklusive der Marienschule, einige Sonden in genau diesen sonst leeren Bereich der Atmosphäre. Ein Projekt, das in diesem Jahr schon zum siebten Mal stattfand.
Ein Stratosphärenballon ist im Grunde eine Sphäre von 10 Metern Durchmesser, die mit Helium gefüllt wird, um sie in die Luft zu heben. An diesen Ballon werden ein Fallschirm sowie eine Styropor- oder Plastiksonde in Größen zwischen 15 und 30 Zentimetern angehängt. So gelangen Messinstrumente und Kameras in die Atmosphäre und können dort Daten erfassen.
Die Marienschule schickte an dem diesjährigen Starttermin schon zum vierten Mal eine solche Sonde in Richtung Weltall. Und zum dritten Mal war diese Sonde kein Kasten, wie es bei anderen Gruppen üblich war und ist, sondern eine Kugel. Angetreten wurde dieses Formexperiment 2024 mit einer Styroporkugel, gebaut vom damaligen Ballonteam, bestehend aus Maximilian Nollkämper und Joshua Burch. Im nächsten Jahr wurde diese Sonde von Joshua Burch, Leonard Zimnol und mir, Nicolas Hölker, verbessert. Der Durchmesser der Kugel wuchs auf 30 Zentimeter. Eine zweite Kamera sowie Temperatursensoren innerhalb und außerhalb der Sonde wurden angefügt, um einen direkten Temperaturvergleich zu ermöglichen.
Die dritte Kugel
Die Sonde für 2026, den wohl ereignisreichsten Flug eines Wetterballons der Marienschule, wurde ebenfalls kugelförmig konstruiert. Wieder von den dreien, die schon im Jahr davor eine Kugel in die Atmosphäre schickten. Nun aber mit anderen Materialien und neuer Technik. Die Hülle wurde statt aus Styropor im 3D-Drucker gefertigt. Die in vorherigen Durchläufen getestete Aluminiumumwicklung wurde ausgelassen. Besonders stark veränderte sich das Innere der Sonde. Statt einer Action-Cam, einem einzelnen Datenlogger und weiteren, nicht zentral vernetzten Messgeräten wurde ein einzelnes Gerät zur Erfassung aller Daten eingebaut. Ein Raspberry Pi 5. Selbst in Python programmiert. Angeschlossen an diese zwei Kameras speziell zur Nutzung mit dem Pi sowie einen sogenannten SenseHat, der der Datenerfassung diente. Abgesehen von dem Pi und seinen Additiven gab es nur drei weitere interne Bauteile. Einen GPS-Sender zur Ortung der Sonde auf Distanz, einen AirTag zur Nahverortung sowie eine Powerbank, die die Stromversorgung für den Pi sicherstellte. Eine minimalistische Ausstattung, die dennoch fast alle Daten der vorhergehenden Jahre sammeln konnte.
Gestartet wurden die Ballone wie jedes Jahr am Sportplatz des Lippe-Berufskollegs. Wenn es keine Komplikationen gibt, braucht eine Sonde vom Beginn der Vorbereitung bis zum Start nicht mehr als zehn Minuten. Doch wann hat das Leben schon keine Komplikationen? Nach einigen Startschwierigkeiten, die in diesem wie in den Jahren davor wohl das kleinste Übel waren, hob die Sonde jedoch ab.
Die Flugroute, die am Start errechnet wurde, sah vor, dass die Sonde erst gen Osten in Richtung Paderborn fliegt. Dort sollte sie Höhen erreichen, in denen sich die Windrichtung erst dreht und der Außendruck schlussendlich so gering ist, dass der Ballon explodiert. Von dort aus sollte die Sonde einige Hundert Meter fallen, bevor sich der Fallschirm öffnen würde und sie wieder ostwärts Richtung Höxter gleitet.
Die Hoffnung war groß, dass die Kugel mit diesem dritten Start eine Serie aus teilweisem Scheitern durchbricht. In den Jahren zuvor waren die Sonden von Baggern angefahren oder von Lastwagen überrollt worden. In beiden Fällen überlebte die Hülle der Sonde nicht bis zum Auffinden dieser. Tatsächlich konnte die dritte Kugel intakt geborgen werden.
Aber die Umstände dieser Bergung waren ganz besonders.
Unbekanntes Flugobjekt über dem Truppenübungsplatz
Die Senne. Ein weitläufiges Gebiet nördlich von Paderborn. Teilweise Truppenübungsplatz und militärische Sperrzone. Genau hier sollte eine Sonde nicht landen. Denn die Chance, diese nach der Landung wiederzusehen, ist gering.
Die Verbindung zum GPS-Sender, die normalerweise etwa zwanzig bis dreißig Minuten vor der Landung entsteht, kam in diesem Jahr früh zustande. Zu früh. Ein normaler Flug dauert etwa vier bis fünf Stunden. Doch der erste Signalkontakt wurde schon nach etwa dreieinhalb Stunden hergestellt. Und der Ort des Signals war noch besorgniserregender. Inmitten des Truppenübungsplatzes Sennelager. Noch hofften wir darauf, dass die Sonde das Sperrgebiet verlassen würde. Doch dazu kam es nicht mehr. Nachdem das GPS-Signal etwa zehn Minuten inmitten der Senne stand, war klar: Die Sonde ist im Sperrgebiet.
Und schnell rückte es in den Raum der Möglichkeiten, auch diese Sonde nicht mehr wiederzusehen. Dennoch versuchten wir, so nah, wie es nur irgendwie möglich war, an die Sonde zu gelangen. Ab einer Distanz von knapp fünfzig Metern war damit allerdings Schluss. Noch viel näher ging es nicht.
Wer schon mal in der Senne unterwegs war, weiß: Halten verboten. Genau dies hetzte den Suchern recht schnell die Range Control auf den Hals. Also diejenigen, die unbefugtes Betreten des Truppenübungsplatzes verhindern.
In solchen Situationen kommt es immer auch darauf an, mit wem man es zu tun hat. Glücklicherweise verstanden die beiden Ranger Barry Marshall und Chris Vaile schnell, dass von unserer Suchgruppe keine Bedrohung ausging. Und einen kurzen Funkspruch später wurde es ihnen erlaubt, einen von uns in Richtung Signal mitzunehmen. Und wer war dafür besser geeignet als der, der am Ende einen Bericht verfassen sollte?
Die Sonde war in einen Baum gestürzt. Ein Umstand, der, wie sich später herausstellen sollte, sehr glücklich war. So schnell wie die Range Control uns auf dem Schirm hatte, war die Sonde auch schon wieder in unserem Besitz. Intakt.
Der Fluch der Kugellandungen war also gebrochen. Zumindest teilweise.
Bei der späteren Auswertung der Daten wurde klar: Dass die Sonde so schnell landete, war nicht bloß ein Signalfehler. Der Ballon war auf eine Art geplatzt, die übrig gebliebene Fragmente den Fallschirm umwickeln ließ. Quasi freier Fall aus mehr als 30.000 Metern Höhe. Geschwindigkeiten von an die 90 km/h. Der Baum, eigentlich ein eher ungeeigneter Landepunkt für eine Sonde, rettete uns in diesem Fall wohlmöglich die gesamte Sonde.
Wenn man den Namen Stratosphärenballon-Projekt hört, kommt einem wohl kaum das Militär in den Sinn. Und doch kann es immer wieder passieren, dass unscheinbare Projekte in vollkommen unvorhersehbaren Erlebnissen enden. Und diese Erlebnisse sind es definitiv wert.
Nicolas Hölker
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